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Warum der Neurologe seine Patientinnen und Patienten fragt, ob sie Sport treiben

  • Autorenbild: Yavor Yalachkov
    Yavor Yalachkov
  • 5. Feb.
  • 3 Min. Lesezeit

In der neurologischen Praxis in Frankfurt, in der ich arbeite, begegne ich täglich Patientinnen und Patienten mit ganz unterschiedlichen neurologischen und psychiatrischen Erkrankungen.


Mit welchen Erkrankungen ich in der neurologischen Praxis in Frankfurt zu tun habe

Dazu gehören Multiple Sklerose, Myasthenia gravis, andere autoimmune Erkrankungen des zentralen und peripheren Nervensystems sowie der Muskulatur, Schlaganfälle, die Parkinson-Krankheit, Polyneuropathien, Demenzen, Epilepsie, Migräne und andere Formen von Kopfschmerzen, Depressionen sowie Angst- und Panikstörungen.

Im Laufe der Zeit habe ich mir eine Gewohnheit angeeignet: Nachdem wir die Diagnose und die passende medikamentöse Therapie besprochen haben, stelle ich noch eine weitere Frage – ob der Patient Sport treibt und wenn ja, welche Art von Sport.


„Sport?“ – die Frage, die meine Patientinnen und Patienten überrascht

Oft sehe ich erstaunte Blicke.

„Sport?“

„Ja, Sport.“

Meist folgt eine kurze Pause und dann ganz unterschiedliche Antworten:

„Wozu brauche ich Sport, ich nehme doch Medikamente?“

„Ich habe keine Zeit für Sport.“

„Ich kann keinen Sport treiben, weil mir die Bewegung schwerfällt.“

„Doch, ich treibe Sport – bei der Arbeit gehe ich jeden Tag mehrere tausend Schritte, das ist anstrengend genug.“

Die Antworten sind verschieden, aber eines haben sie gemeinsam: Die meisten Patientinnen und Patienten sind ehrlich überrascht, dass ihr Neurologe sie überhaupt fragt, ob sie Sport treiben – und noch mehr, dass er sich die Zeit nimmt, genauer nachzufragen: welche Sportart, wie häufig, mit welcher Intensität.


Warum Sport bei neurologischen und psychiatrischen Erkrankungen wichtig ist

Dabei sind die Zusammenhänge eigentlich recht einfach. Regelmäßige körperliche Aktivität hat zusätzliche positive Effekte bei den meisten neurologischen und psychiatrischen Erkrankungen. Diese Effekte ersetzen die medikamentöse Therapie nicht, sondern ergänzen und verstärken sie.

Es ist klar, dass Sport Medikamente nicht ersetzen kann, wenn diese notwendig sind. Ebenso ist klar, dass viele Patientinnen und Patienten neurologische Defizite haben, die bestimmte Sportarten unmöglich machen. Aber: Sport wirkt auf das Nerven-, Muskel- und Immunsystem sowie auf die Psyche – unabhängig von der Wirkung von Medikamenten. Genau deshalb sollte er ein fester Bestandteil jedes therapeutischen und präventiven Behandlungskonzepts sein.


Jeder kann Sport treiben – auch bei schweren neurologischen Einschränkungen

In solchen Momenten erinnere ich mich immer an eine der wichtigsten Lektionen, die ich aus der Zusammenarbeit mit Sportmedizinern gelernt habe, die auf neurologische Erkrankungen spezialisiert sind: Jeder kann Sport treiben.

Selbst für schwer betroffene Patientinnen und Patienten lässt sich ein individuelles Trainingsprogramm entwickeln, das den Körper sicher, angepasst und effektiv trainiert.


Schon kleine Veränderungen in der Bewegung haben große Effekte

Die Daten sind beeindruckend.

Bereits fünf Minuten moderater bis intensiver körperlicher Aktivität pro Tag können einen messbaren Effekt haben – insbesondere bei Menschen, die aktuell überhaupt keinen Sport treiben. In dieser Gruppe sinkt die Sterblichkeit um etwa 6 %.

Schon eine halbe Stunde weniger Sitzen pro Tag kann die Sterblichkeit senken:

  • um etwa 3 % bei den körperlich inaktivsten Menschen,

  • um bis zu 7 % in der Gesamtbevölkerung.

„Schon kleine Veränderungen haben Bedeutung“, sage ich meinen Patientinnen und Patienten häufig.


Wie Sport bei Multipler Sklerose, Parkinson und anderen Erkrankungen wirkt

Die positiven Effekte von Sport sind gut belegt bei Erkrankungen wie Multipler Sklerose, der Parkinson-Krankheit und vielen weiteren neurologischen Krankheitsbildern.

Doch es gibt auch beeindruckende Daten bei Erkrankungen, bei denen man Sport vielleicht nicht als Erstes erwarten würde. Eine aktuelle Studie zeigt zum Beispiel, dass Patientinnen und Patienten mit Darmkrebs, die nach Operation und Chemotherapie ein strukturiertes Bewegungsprogramm absolvieren, eine längere Zeit ohne Krankheitsrückfall haben.


Moderne Neurologie bedeutet mehr als Medikamente

Das ist auch meine Vorstellung von moderner Medizin und moderner Neurologie – einschließlich einer zeitgemäßen neurologischen Praxis in Frankfurt.

Patientinnen und Patienten sollten nicht nur zu den notwendigen Medikamenten beraten werden, sondern auch zu den Veränderungen des Lebensstils, die sie selbst umsetzen können, um ihren Gesundheitszustand zu verbessern oder ihre Erkrankung so gut zu kontrollieren, dass sie trotz ihr ein erfülltes Leben führen können.

Die Kombination verschiedener Trainingsformen – etwa Ausdauer- und Krafttraining – führt in der Regel zu den besten Ergebnissen. Die Expertenmeinung ist eindeutig: Der Nutzen von Bewegung überwiegt die Risiken deutlich, selbst bei Menschen mit chronischen Erkrankungen, die zunächst zögern, mit Sport zu beginnen.

Besonders schätze ich Initiativen wie die von Prof. Zimmer von der Technischen Universität Dortmund, der eine spezielle Online-„Sprechstunde“ für Patientinnen und Patienten mit Multipler Sklerose anbietet, die eine individuelle Beratung zum Thema Sport und Bewegung benötigen.


Wie viele Stunden planen Sie heute im Sitzen zu verbringen?

Und welchen Sport treiben Sie?

 
 

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